EU übernimmt Netzplanung – doch Deutschlands Stromkunden zahlen schon die Zeche
Ayten KarzEU übernimmt Netzplanung – doch Deutschlands Stromkunden zahlen schon die Zeche
Die EU unternimmt Schritte, um die Planung der Energienetze in Europa zu zentralisieren. Im Rahmen des neuen "Energie-Netzwerk-Pakets" wird die EU-Kommission künftig die zentralen Szenarien für den Netzausbau vorgeben – statt wie bisher die Entscheidungen den einzelnen Netzbetreibern zu überlassen. Mit dieser Neuausrichtung soll die seit langem bestehende Zersplitterung überwunden und die Koordination großer grenzüberschreitender Projekte verbessert werden, etwa beim Transport von Windenergie aus der Nordsee oder Solarstrom aus Südeuropa.
Die Änderungen erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland mit wachsenden Herausforderungen beim eigenen Netzausbau kämpft. Verzögerungen und steigende Kosten belasten Verbraucher im ganzen Land.
Seit Jahren kommt das deutsche Stromnetz mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien nicht mit. Die Fernleitungen zwischen dem windreichen Nordosten und dem industriestarken Süden erleben immer wieder Rückschläge. Streitigkeiten über Trassenverläufe, Länderpolitik und der Wechsel von Freileitungen zu Erdkabeln haben die Verzögerungen zusätzlich verschärft.
Die Folgen treffen nun die Haushalte. In Baden-Württemberg hinken Genehmigungen für neue Solaranlagen hinter der Nachfrage her. Einige Besitzer von Photovoltaik-Anlagen (PV) dürfen ihren Überschussstrom nicht mehr ins Netz einspeisen und müssen ihn stattdessen ausschließlich selbst verbrauchen. Gleichzeitig treiben fehlende Netzverbindungen in Süddeutschland die Kosten für Redispatch-Maßnahmen in die Höhe – zusätzliche Ausgaben, die über die Netzentgelte auf alle Stromkunden umgelegt werden.
Auch die EU hat Deutschlands Praxis kritisiert, das Land als eine einzige Strompreiszone zu behandeln. Angesichts der deutlichen Unterschiede bei den Erzeugungskosten zwischen Nord und Süd entspricht dieser Ansatz nicht mehr der Realität. Gleichzeitig zeigt sich die Bundesnetzagentur (BNetzA) zunehmend zurückhaltend bei der Genehmigung von Netzausbaukosten, um die steigenden Netzentgelte zu bremsen – was jedoch ungewollt weitere Verzögerungen verursacht.
Der niederländische Staatskonzern Tennet, der für wichtige deutsche Stromverbindungen zuständig ist, steht unter akutem Finanzierungsdruck. Das Unternehmen kann die explodierenden Kosten für den Ausbau der Nord-Süd-Stromautobahnen nicht allein schultern. Ein Konsortium unter Führung des norwegischen Staatsfonds und des niederländischen Pensionsfonds APG wird voraussichtlich bis Mitte September ein verbindliches Angebot für eine Kapitalerhöhung bei Tennet vorlegen – was dringend benötigte finanzielle Entlastung bringen könnte.
Der Vorstoß der EU für eine zentralisierte Netzplanung markiert einen bedeutenden Wandel in der europäischen Energieinfrastruktur. In Deutschland macht sich der Druck auf das Netz bereits bei den Verbrauchern bemerkbar: durch höhere Kosten und eingeschränkte Einspeisemöglichkeiten für Solarstrom. Die Finanzierungslücke bei Tennet verschärft die Situation zusätzlich, da das Unternehmen gegen die Zeit arbeitet, um kritische Stromverbindungen fertigzustellen, bevor sich die Verzögerungen weiter verschlimmern.
Ohne schnellere Fortschritte wird die Kluft zwischen der Produktion erneuerbarer Energien und der Netzkapazität weiter wachsen – und Haushalte wie Industrie müssen die Kosten tragen.






