Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die DDR ihre Erinnerung verweigerte
Ayten KarzHalberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die DDR ihre Erinnerung verweigerte
Halberstadts jüdische Geschichte und das Erbe der zerstörten Gemeinde stehen im Mittelpunkt eines neuen Buches von Philipp Graf.„Verweigerte Erinnerung“ untersucht, wie die DDR trotz ihres antifaschistischen Anspruchs den Antisemitismus nicht aufarbeitete. Die Studie stützt sich auf Archive, Interviews und Literatur, um eine vergessene Vergangenheit freizulegen.
Die einst blühende neo-orthodoxe jüdische Gemeinde der Stadt wurde zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht. Grafs Arbeit zeigt zudem, wie Autoritarismus und Vorurteile unter dem Staatssozialismus fortbestanden – selbst während die Funktionäre ein Bild der Toleranz propagierten.
Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge 1938 markierte den Beginn des Niedergangs der Stadt, erklärt der Historiker Martin Gabriel. Bis 1942 war die jüdische Gemeinde – einst ein Zentrum neo-orthodoxen Lebens – vernichtet. Nach dem Krieg errichtete die DDR 1949 am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal. Es ehrte zunächst Opfer der Zwangsarbeit, doch seine Bedeutung verschob sich im Laufe der Zeit.
1969 wurde die Gedenkstätte zu einem Ort für Treuegelöbnisse umgestaltet – erbaut über den Gräbern von Häftlingen. Ein Jahrzehnt zuvor war das Tunnelsystem des Lagers bereits in ein militärisches Depot der Nationalen Volksarmee umgewandelt worden. Im selben Jahr erschienen in der DDR Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker – seltene literarische Zeugnisse der NS-Verfolgung.
Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 in die DDR und nahm in Ost-Berlin drei Langspielplatten auf. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand ihre Musik aus dem Programm – ein Zeichen für den politischen Kurswechsel der DDR. Grafs Buch argumentiert, dass sowohl rechts- als auch linksautoritäre Systeme den Antisemitismus begünstigten, trotz des offiziellen Antifaschismus des Staates.
Grafs Forschung wirft Licht auf eine Geschichte, die die DDR oft verdrängte. Das Mahnmal in Langenstein-Zwieberge, zweckentfremdet für militärische und ideologische Zwecke, spiegelt die Widersprüche der ostdeutschen Erinnerungspolitik wider. Die Stimmen von Überlebenden wie Edel, Becker und Jaldati hingegen bieten eine Gegenzählung zur unvollständigen Aufarbeitung der Vergangenheit.






